Warum Kiel die Tram braucht

Eine wachsende Stadt, die zugleich ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort, als auch eine lebenswerte Klimaschutzstadt sein will, braucht die Tram.

Kiel wächst

Die Stadt wird in den nächsten 15 Jahren um 13.500 EinwohnerInnen wachsen (Statistischer Bericht Nr. 235 der Stadt Kiel, S.6). Diese Statistik der Stadt Kiel basiert auf den in den nächsten Jahren geplanten Neubauten. Dabei ist die Nachfrage nach Wohnraum in der Stadt noch viel höher, denn auch die Zahl der StudentInnen wächst kontinuierlich. Auf vielen Routen ist das heutige Busangebot an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Darüber hinaus wächst auch die Zahl der PendlerInnen weiter. Das Land Schleswig-Holstein wird deshalb im nächsten Jahrzehnt den Regionalverkehr stark ausbauen. Wenn Kiel wächst und täglich immer mehr Menschen an den Kieler Bahnhöfen ankommen, werden auch mehr Menschen den städtischen Nahverkehr nutzen.

©Die Linie T1 in Montpellier. Täglich wird sie von 130.000 Menschen auf dem Weg in die Stadt genutzt. Leistungsfähig und stadtverträglich. Bild: © Rainer Spath.

Der Klimaschutz braucht einen stärkeren Nahverkehr

Zusammenfassung:

  • bis 2035 muss der ÖPNV-Anteil in Kiel um 70 % steigen
  • bis 2050 sogar um 128 %

Der Klimawandel muss aufgehalten werden. Im Pariser Abkommen hat sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden (Quelle!). Klimaneutralität bedeutet, dass insgesamt nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden dürfen als unsere Umwelt aufnehmen kann. Die Stadt Kiel hat dazu bereits vor einigen Jahren untersucht, welche Schritte sie gehen muss, um die gesetzten Ziele zu erreichen (Masterplan 100 % Klimaschutz, S. 330). Unter Beteiligung der Kieler Bürgerschaft und externer ExpertInnen wurden alle Themenfelder unseres alltäglichen Lebens und Arbeitens betrachtet – von Wohnen über Energie bis Wirtschaft und Verkehr. Gesucht wurde ein ökonomisch und ökologisch verträglicher Weg, auf dem man die Klimaschutzziele erreichen kann.

Die Straßenbahn in Strasbourg – eine Erfolgsgeschichte. 1994 wieder eingeführt, wird sie heute von 65 % der in der Innenstadt beschäftigten auf dem Weg zur Arbeit genutzt. Bild: Sakher Belouadah, Unsplash-Lizenz.

Die Analyse kam zu dem Ergebnis, dass viel CO2 gespart werden kann, wenn man den BürgerInnen einen deutlich attraktiveren Nahverkehr anbietet. Demnach muss die Verkehrsleistung des ÖPNV bis 2035 um 70 % steigen, bis 2050 sogar um 128 %, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.

Ein starker Kieler Nahverkehr braucht die Tram

Zusammenfassung:

  • Verkehrssimulationen zeigen: Mehr Busse alleine führen nur zu zusätzlichen Staus
  • Auch mit einem starken Ausbau des bisherigen Busnetzes ließe sich maximal ein Fahrgastzuwachs von nur 40 % erreichen.

In der Grundlagenstudie hat die Stadt Kiel untersuchen lassen, wie der Kieler Nahverkehr weiterentwickelt werden kann, um die gesetzten Klimaziele zu erreichen. Dazu wurden unterschiedliche Systeme und Lösungswege verglichen, neben der Tram auch verschiedene Ausbaustufen für den Busverkehr.

Lieber eine Straßenbahn statt mehrerer Busse. Lizenz: CC0

Die Untersuchungen haben ergeben, dass auch ein deutlicher Ausbau des Busverkehrs das Verkehrsproblem in Kiel nicht lösen kann (Grundlagenstudie, S. 99). Vielmehr würden sich die Busse auf den Hauptachsen durch die dichte Taktfolge gegenseitig behindern, was längere Fahrzeiten zur Folge hätte und zu zusätzlichen Staus führen würde. Zudem würde die jährliche Kostenbelastung für den städtischen Haushalt aufgrund des hohen Personalaufwands um 23 Mio. Euro steigen.

Die Klimaziele der Stadt Kiel erfordern ein Wachstum der Nachfrage im Kieler Nahverkehr um 70% bis 2035, mit einem Ausbau des Busverkehrs lassen sich allerdings höchstens 40% erreichen. Die Klimaziele können so nicht erreicht werden.

Daher ist nach Einschätzung der ExpertInnen eine Optimierung des bestehenden Betriebs nicht wirksam, sondern die Realisierung eines deutlich leistungsfähigeren Nahverkehrssystems, wie der Tram, zwingend erforderlich.

Sanfte Mobilität für eine lebenswerte Stadt

Zusammenfassung:

  • weniger Autoverkehr erhöht die Lebensqualität

Die Tram dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der Lebensqualität der Stadtbewohnerinnen. Unsere Überzeugung ist: Nur eine Stadt ohne dichten Autoverkehr ist eine lebenswerte Stadt. 90% der Deutschen glauben, dass es einem guten Leben beiträgt, wenn Städte und Regionen so entwickelt werden, dass man nicht auf das Auto angewiesen ist (Umweltbewusstsein in Deutschland 2016, S. 64).

Sanfte Mobilität: ein Verkehrsmittel für den öffentlichen Raum. Bild: Tapio Haaja, Unsplash Lizenz.

Um den Autoverkehr zu verringern ist es erforderlich, den KielerInnen eine wirklich gute, zuverlässige, zügige und komfortable Alternative zu bieten.

Die Tram bietet entspannte Mobilität, ohne Schadstoffe, Schmutz und Lärm. Dank Rasengleis und eigener Trasse verbindet sie die Stadtteile zügig, emissions- und geräuscharm.

Entlang der Linien entstehen großzügige und sichere Fuß- und Radwege, genauso wie attraktive Grünflächen und Naherholungsbereiche. So verschönert die Tram ganz nebenbei die Stadt und belebt ihre Straßen und Plätze.

Mobilität für alle

Zusammenfassung:

  • eine Tram bietet mehr Platz für Rollator, Kinderwagen, Assistenzhund und auch das Fahrrad; dank vieler breiter Türen wird das Ein- und Aussteigen stressfrei, auch für alle, die nicht so gut zu Fuß sind
  • die Grundlagenstudie kommt zu dem Ergebnis, dass die Tram mehr Stadtteile für Menschen ohne Auto erreichbar machen wird

Mobil zu sein ist ein Grundbedürfnis: Wir alle sind jeden Tag in der Stadt unterwegs, denn im Leben ist schließlich irgendwas immer woanders. Dabei stehen aber nicht allen Menschen die gleichen Mittel zur Verfügung. Manche haben kein Auto, andere dürfen es nach einem Schlaganfall nicht fahren. Einige können krankheitsbedingt kein Fahrrad fahren, wieder andere sind darauf angewiesen, dass sie ihren Begleithund dabei haben können.

Ende 2017 lebten in Deutschland 7,8 Mio. anerkannt schwerbehinderte Menschen. Das waren 9,4 % der Gesamtbevölkerung. Ein Drittel aller Schwerbehinderten befindet sich im berufstätigen Alter. Und jede*r zwölfte Schwerbehinderte geht keinem Erwerb nach, weil er oder sie mit dem bestehenden Nahverkehrsangebot ihre Arbeitsstelle nicht erreichen kann (Quelle!). Dazu kommen Menschen, die auf Hilfsmittel wie einen Rollator angewiesen sind oder einen Assistenzhund mitführen möchten.

Die Tram kann also die Mobilität vieler Menschen verbessern. Sie bietet viel mehr Platz für Rollator, Rollstuhl, Assistenzhund und Kinderwagen, da kann dann auch das Fahrrad mal mitgenommen werden. Sie fährt auf Schienen, beschleunigt und bremst sehr sanft – damit bietet sie Menschen Sicherheit, die nicht so gut auf den Beinen sind.

Die Tram-Linie T3 in Paris. Das großzügige Fahrzeug bietet viel Platz für alle Nutzer. Zweiter, vierter und sechster Wagen haben jeweils 4 Doppeltüren und dahinter Multifunktionsabteile. Bild: besopha, CC-BY 2.0.

Aber vor allem ist sie auch das Verkehrsmittel, das eine große Zahl an Personen bequem und schnell fortbewegen kann. Sie bietet erheblich mehr Raum und Sitzplätze für ihre Fahrgäste, so profitiert jeder von diesem attraktiven und barrierefreien Verkehrsmittel, egal ob man ein Auto zur Verfügung hat oder nicht, ob man auf den Nahverkehr angewiesen ist oder nicht. So kommt die Grundlagenstudie zu dem Ergebnis, dass mit einer Tram viele Stadteile für Menschen ohne Auto deutlich besser erreichbar wären (Grundlagenstudie, S. 333).