Im April wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Haushaltsbefragung veröffentlicht, für die 2023 über 3500 Kieler:innen zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt wurden.
Das Ergebnis ist ein Armutszeugnis für den Kieler Stadtverkehr.
Die gute Nachricht: Der Umweltverbund wächst in Kiel
Ein wichtiger Messwert für das Mobilitätsverhalten ist der Modalsplit. Er bildet ab, wie häufig die Kieler:innen die vier wichtigsten Verkehrsmittel verwenden.
Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass Fuß- und Radverkehr weiter an Bedeutung gewinnen. Der Radverkehr hat um zwei Prozentpunkte zugelegt, für 24 % der in Kiel zurückgelegten Wege wird das Fahrrad genommen. Der Anteil des Fußverkehrs stieg sogar um 3 Punkte auf 33 %. Kein Wunder – 85 % der Befragten gaben an, in Kiel gerne zu Fuß zu gehen.
Fahrrad und Fußverkehr kommen so auf heute 57 % Anteil, 2013 waren es noch 47 %.
Die MIV-Nutzung ist gleichzeitig deutlich zurückgegangen, seit 2013 von 43 % auf 33 % im Jahr 2023.
Der Anteil des Nahverkehrs stagniert dagegen seit Jahren. 2023 wurde ein minimaler Anstieg auf 10,9 % gezählt.
Naheliegende Gründe für das leichte Wachstum im ÖPNV werden Job- und Deutschlandticket sein. So ist der Anteil der Erwerbstätigen, die eine Zeitkarte besitzen, von 18 % auf 34 % gestiegen.
Wenn man nur auf den Stadtverkehr schaut, erstaunt das Wachstum allerdings, denn die Fahrgastzahlen der KVG hatten sich 2023 noch nicht von der Corona-Pandemie erholt. Lagen sie 2019 noch bei 33 Mio. Fahrgästen im Jahr, waren es 2023 nur 30 Mio.
Eine andere Zahl gibt den Hinweis, wo das Wachstum stattdessen hergekommen ist. Gegenüber 2018 ist die durchschnittliche Wegelänge im ÖPNV von 9,2 auf 11 km pro Weg gestiegen – eine stärkere Nutzung des Schienenverkehrs für längere Strecken drängt sich da auf.
Und das war auch der Fall. Alleine auf der Strecke nach Neumünster ist die Zahl der Fahrgäste von 2018 bis 2023 um knapp 45 % gestiegen. Von und nach Rendsburg waren es knapp 40 %. Das Deutschlandticket hat also zu einem Anstieg der Fahrten im Regionalverkehr geführt, was die marginale Verbesserung des ÖPNV-Anteils erklärt. Die übrigen Strecken im Kieler Umland verzeichneten nur leichte Zuwächse, waren 2023 aber auch durch langwierigen Baustellen belastet.
Aber schlechte Noten für den ÖPNV
Auch der Erfolg des Deutschlandtickets konnte dem Kieler Stadtverkehr also keinen echten Schub geben. Der ÖPNV hat in Kiel im Vergleich zu anderen Städten ähnlicher Größe weiter nur einen geringen Anteil. So sind es in vergleichbaren Städten wir Augsburg, Rostock oder Erfurt 15, 17 oder gar 20 %.
Der Grund lässt sich in der Bewertung des Stadtverkehrs durch die Kieler:innen finden. Ganze 61,7 % der Befragten gaben in der Umfrage an, in Kiel ungern den ÖPNV zu benutzen.
Es spricht also viel dafür, dass die Qualität des Kieler Nahverkehrs angehoben werden muss. Wir hätten da eine Idee..
Die Umfrage
Seit 1972 wird unter dem sperrigen Titel System repräsentativer Verkehrserhebungen die Mobilität in Städten erforscht. Alle 5 Jahre unternimmt die TU Dresden dafür eine repräsentative Haushaltsbefragung. Haushalte in ganz Deutschland werden nach ihrem Mobilitätsverhalten befragt und die Ergebnisse mit über mehrere Jahrzehnte entwickelten Modellen ausgewertet.
Der Fokus liegt auf Werktagen außerhalb von Ferien und Feiertagen. Gefragt wird über das Jahr verteilt. Etwa 282.000 Menschen haben deutschlandweit teilgenommen.
Die Umfrage spielt eine wichtige Rolle in der Verkehrsplanung. So werden die Ergebnisse für die Kalibrierung des Verkehrsmodells verwendet, mit dem die Stadt Kiel die Verkehrsentwicklung prognostiziert.
